Berlin wirkt an manchen Tagen wie eine Stadt ohne Gedächtnis: ständig im Umbau, ständig im Aufbruch. Dabei liegt die Geschichte von Berlin überall offen herum – in den Straßennamen, den Baulücken, den Pflastersteinen, die den Mauerverlauf markieren. Dieser Überblick sortiert die wichtigsten Epochen, kurz und ohne Vorwissen lesbar. Wer nur fünf Minuten hat, liest die Zwischenüberschriften – auch das ist schon ein brauchbarer Überblick; wer mehr Zeit hat, bekommt zu jeder Epoche die kurz gefasste Geschichte dahinter.
Die Epochen kurz erklärt: die Geschichte von Berlin im Überblick
Doppelstadt an der Spree (13.–15. Jahrhundert)
Am Anfang waren es zwei Städte: Cölln, 1237 erstmals urkundlich erwähnt, und Berlin am gegenüberliegenden Spreeufer, erstmals 1244 genannt. Die Kaufmannssiedlungen an der Furt profitierten vom Handel zwischen Elbe und Oder, wuchsen zusammen und traten gemeinsam der Hanse bei. Das Nikolaiviertel mit seiner rekonstruierten Altstadt erinnert heute an diese früheste Schicht der Berliner Geschichte.
Residenz der Hohenzollern (1415–1701)
1415 übernahmen die Hohenzollern die Mark Brandenburg – der Beginn einer fast fünfhundertjährigen Verbindung. Aus der Handelsstadt wurde eine Residenz, gegen den anfänglichen Widerstand der Bürger („Berliner Unwille“). Der Dreißigjährige Krieg traf die Stadt hart; danach holte der Große Kurfürst gezielt Zuwanderer ins Land, darunter Tausende hugenottischer Glaubensflüchtlinge, die Handwerk und Wirtschaft belebten. Ohne diese frühe Einwanderung ist die Geschichte von Berlin nicht zu erzählen.
Preußens Hauptstadt (1701–1871)
Mit der Krönung Friedrichs I. wurde Berlin 1701 Hauptstadt des Königreichs Preußen. Unter Friedrich dem Großen entstanden Forum Fridericianum, Oper und die Prachtmeile Unter den Linden; um 1800 machten Salons, Universität und Denker wie die Humboldts die Stadt zu einem geistigen Zentrum Europas. Das Brandenburger Tor, 1791 vollendet, wurde zum Wahrzeichen dieser Epoche – und später zum Symbol fast jeder folgenden.
Reichshauptstadt und Boomtown (1871–1918)
1871 wurde Berlin Hauptstadt des Deutschen Reichs, und dann ging alles sehr schnell: Die Einwohnerzahl vervielfachte sich binnen weniger Jahrzehnte, Mietskasernen wuchsen um die Ringbahn, Siemens und AEG machten die Stadt zur „Elektropolis“ – zur damals modernsten Industriestadt des Kontinents. Die Gründerzeitviertel, durch die man heute so gern flaniert, sind das steinerne Erbe dieses Booms.
Groß-Berlin und die goldenen Zwanziger (1918–1933)
Nach dem Ersten Weltkrieg entstand 1920 durch Eingemeindung das heutige Groß-Berlin – über Nacht eine Vier-Millionen-Metropole und drittgrößte Stadt der Welt. Die Zwanziger machten Berlin zum Labor der Moderne: Kino, Kabarett, Bauhaus-Architektur, Wissenschaft auf Weltniveau. Wie dicht sich diese Ära an einem einzigen Ort verdichtet, zeigt der Potsdamer Platz, damals einer der verkehrsreichsten Plätze Europas.
Nationalsozialismus und Zerstörung (1933–1945)
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Berlin zur Bühne der Diktatur – und zum Ort der Verfolgung: Die jüdische Gemeinde, einst die größte Deutschlands, wurde entrechtet, deportiert und ermordet. Der Zweite Weltkrieg legte weite Teile der Stadt in Trümmer; bei Kriegsende 1945 war fast ein Drittel aller Wohnungen zerstört. Mahnmale wie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas halten diese dunkelste Epoche der Berliner Geschichte im Stadtbild präsent.
Geteilte Stadt (1945–1989)
Nach 1945 teilten die vier Siegermächte Berlin in Sektoren; aus der Blockade 1948/49 und der Luftbrücke wurde West-Berlin zur „Frontstadt“ des Kalten Krieges. Am 13. August 1961 riegelte die DDR West-Berlin mit der Mauer ab – 28 Jahre lang zerschnitt sie Straßen, Familien und S-Bahn-Linien. Ost-Berlin wurde Hauptstadt der DDR, West-Berlin eine subventionierte Insel mit eigenem Lebensgefühl, in der sich Zugezogene, Künstler und Wehrdienstverweigerer sammelten.
Wende und neue Hauptstadt (seit 1989)
Am 9. November 1989 fiel die Mauer – die Bilder tanzender Menschen auf dem Brandenburger Tor gingen um die Welt. 1990 wurde Berlin Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands, 1999 zog die Bundesregierung von Bonn an die Spree. Seither verwandelt sich die Stadt in atemberaubendem Tempo – und streitet dabei so leidenschaftlich über ihre Zukunft wie über ihre Vergangenheit. Auch das hat in der Berliner Geschichte Tradition.
Geschichte vor Ort: wo man die Epochen heute sieht
Das Schöne ist: Die Geschichte von Berlin muss man nicht im Museum suchen. Das Nikolaiviertel zeigt das Mittelalter, Unter den Linden das Preußen der Könige, die Gründerzeitkieze in Prenzlauer Berg den Boom des Kaiserreichs, die Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) den Osten, die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße die Teilung. Wer lieber mit einem Film einsteigt: Unsere Liste der besten Filme aus Berlin erzählt viele dieser Epochen in neunzig Minuten.