Friedrichshain ist der Bezirk, in dem sich Ost-Berlin am schnellsten neu erfunden hat: Aus Fabriketagen wurden Studios, aus dem Todesstreifen die berühmteste Open-Air-Galerie der Welt, aus einem Reichsbahn-Ausbesserungswerk ein Kulturkosmos. Wer verstehen will, was die Stadt seit 1990 mit sich angestellt hat, findet hier das komprimierteste Anschauungsmaterial – auf drei Kilometern zwischen Spree und Ringbahn.
An der Spree: East Side Gallery und Oberbaumbrücke
Die East Side Gallery ist das meistfotografierte Stück Berliner Mauer: 1,3 Kilometer Hinterlandmauer, 1990 von über hundert Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt bemalt – die längste dauerhafte Freiluftgalerie der Welt und heute Denkmal. Am besten läuft man sie früh am Morgen ab, wenn die Reisegruppen noch frühstücken, und endet an der Oberbaumbrücke: Backsteintürme, doppelstöckige Fahrbahnen, oben rattert die U1 hinüber nach Kreuzberg. Wie die Mauer hierher kam und wieder verschwand, sortiert der Überblick zur Geschichte von Berlin.
Den besten Blick auf den Bezirk hat eine Brücke, die keine Sehenswürdigkeit sein will: Die Modersohnbrücke über die Gleise am Ostkreuz füllt sich an klaren Abenden mit Leuten, die auf dem Geländer sitzen und warten, bis die Sonne hinter dem Fernsehturm steht. Darunter fahren die Züge Richtung Osten ab, dahinter beginnt das Backsteinmassiv der alten Bahnanlagen – Berliner Feierabend in seiner schmucklosesten und schönsten Form. Wer es ruhiger mag, geht die Treppe hinunter und am Wasser weiter bis zur Rummelsburger Bucht, wo der Bezirk plötzlich nach Ufer und nicht mehr nach Innenstadt aussieht.
Der Kiez: Boxhagener Platz und die Gründerzeitstraßen
Das Herz des Bezirks schlägt am „Boxi“: samstags Wochenmarkt, sonntags Flohmarkt, an allen anderen Tagen Spielplatz, Boule und Zeitunglesen auf der Bank. Rundherum liegen die dichtesten Gründerzeitstraßen des Ostens – die Simon-Dach-Straße als laute Ausgehmeile, die ruhigeren Parallelstraßen mit Buchläden, Weinhandlungen und Höfen voller Fahrräder. Der Sonntagsflohmarkt gehört zu den Klassikern im Guide zu den Märkten in Berlin; wer ernsthaft stöbern will, kommt früh und arbeitet sich von den Kisten der Anwohner zu den Vintage-Händlern vor.
Industriekultur: RAW-Gelände und Volkspark
Südlich der Revaler Straße liegt das RAW-Gelände, ein ehemaliges Reichsbahn-Ausbesserungswerk, dessen Hallen heute Clubs, Ateliers, eine Kletterhalle im Bunker und Berlins geselligsten Sonntagsflohmarkt-Ableger tragen. Es ist rau, bunt und laut – die letzte große Brache der Innenstadt, über deren Zukunft seit Jahren gerungen wird; wer das alte Friedrichshain sehen will, sollte nicht zu lange warten. Den Gegenpol bildet im Norden der Volkspark Friedrichshain, der älteste Volkspark der Stadt: Märchenbrunnen, zwei Trümmerberge mit Aussicht und im Sommer das traditionsreichste Freiluftkino Berlins – die passende Fortsetzung zur Liste der besten Filme aus Berlin.
Karl-Marx-Allee: das steinerne Kapitel
Zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor durchquert den Bezirk sein monumentalstes Stück Geschichte: die Karl-Marx-Allee, als Stalinallee ab 1952 im Zuckerbäckerstil errichtet – neunzig Meter breit, flankiert von Arbeiterpalästen mit Meissner Keramik an den Fassaden. Heute stehen die Bauten unter Denkmalschutz, im Kino International laufen Premieren wie 1963, und die Allee ist das beste Freilichtmuseum für DDR-Architektur, das man kostenlos ablaufen kann. Wer die Epoche einordnen will, findet den Zusammenhang im Überblick zur Geschichte der Stadt – und wer einfach staunen will, kommt zur blauen Stunde, wenn die Fassaden im Abendlicht tatsächlich nach Zuckerbäcker aussehen.
Der ruhige Norden
Wer Friedrichshain nur zwischen Warschauer Straße und Boxi kennt, unterschätzt den Norden: Rund um den Comeniusplatz und im Weberviertel wird es wohnlich und leise, mit Höfen, kleinen Läden und deutlich weniger Durchreise. Es ist die richtige Gegend für den zweiten Besuch – wenn man wissen will, wie der Bezirk klingt, sobald die Gäste weg sind. Hier sitzt man in Cafés zwischen Anwohnern, die Simon-Dach-Straße ist plötzlich weit weg, und der Bezirk zeigt seine wohnliche Seite – die, wegen der die Leute bleiben, nachdem die Partyjahre vorbei sind.
Friedrichshain praktisch
Anreise: Warschauer Straße (S + U1/U3) für Spree und RAW, Samariterstraße (U5) für die Kiezstraßen, Landsberger Allee (S-Ring) für den Volkspark. Ein guter Tag: früh East Side Gallery, vormittags über die Warschauer Brücke ins Kiezinnere, mittags Boxi, nachmittags RAW oder Volkspark – und abends entscheidet die Simon-Dach-Straße, wie lang die Nacht wird. Die Grenze nach Prenzlauer Berg verläuft quer durch den Volkspark: zwei Bezirke, ein Sonntagsspaziergang.