Jede Hauptstadt hat ihren Repräsentationsbezirk; Berlins Besonderheit ist, dass er gleichzeitig Wohnzimmer geblieben ist. Zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz drängt sich Weltgeschichte auf wenigen Quadratkilometern – und dazwischen liegen Kieze, in denen der Alltag den Ton angibt. Dieses Porträt nimmt beide Ebenen ernst.
Die große Bühne: Museumsinsel bis Brandenburger Tor
Die Museumsinsel ist mit ihren fünf Häusern seit 1999 Weltkulturerbe – Pergamonmuseum (derzeit in langer Sanierung), Neues Museum mit der Nofretete, Alte Nationalgalerie, Bode- und Altes Museum. Wer nur einen Nachmittag hat, nimmt ein Haus und die Spazierrunde über die Insel; die Kolonnaden sind frei zugänglich und abends fast leer. Unter den Linden führt die historische Achse vorbei an Staatsoper, Humboldt-Universität und Bebelplatz zum Brandenburger Tor, dahinter beginnen Reichstag und Regierungsviertel mit seinen Spree-Bögen. Wie all das entstand und wieder aufgebaut wurde, erzählt die Geschichte von Berlin im Zeitraffer.
Die Kieze: Nikolaiviertel, Scheunenviertel, Sprengelkiez
Das Nikolaiviertel an der Spree ist Berlins rekonstruiertes Mittelalter – zu DDR-Zeiten zur 750-Jahr-Feier wiederaufgebaut, heute ein charmantes Ensemble um die älteste Kirche der Stadt. Nördlich der Torstraße liegt das Scheunenviertel: einst Zentrum jüdischen Lebens, heute Galerien, Höfe und die Neue Synagoge mit ihrer goldenen Kuppel; die Hackeschen Höfe und die raueren Nachbarhöfe zeigen zwei Versionen desselben Erbes. Und wer wissen will, wie Mitte wohnt, fährt in den Sprengelkiez im Wedding-Teil des Bezirks oder nach Moabit – seit der Bezirksreform 2001 gehören beide dazu und erden den Repräsentationsbezirk zuverlässig.
Nördlich des Hauptbahnhofs steht das Museum für Naturkunde, und es hat das Ausstellungsstück, an das sich Kinder Jahrzehnte später erinnern: das aufgestellte Skelett eines Brachiosaurus, das höchste montierte Dinosaurierskelett der Welt, daneben ein Archaeopteryx-Fund von seltener Qualität. Wer das Gedränge auf der Museumsinsel scheut, findet hier die ruhigere Variante des Berliner Museumsbesuchs – und im Sprengelkiez gleich um die Ecke das passende Mittagessen.
Zwischen den Polen: der Potsdamer Platz und der Alex
Die beiden großen Plätze des Bezirks könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Alexanderplatz bleibt der raue Riese des Ostens – Fernsehturm, Weltzeituhr und ein Platz, der seit hundert Jahren umgebaut wird. Sein westliches Gegenstück haben wir in einem eigenen Porträt vermessen: der Potsdamer Platz zwischen Geschichte, Kino und Nachtleben – vom Verkehrsknoten der Zwanziger über den Todesstreifen zur Bühne aus Glas.
Mitte kostenlos
Der teuerste Bezirk der Stadt ist zugleich ihr großzügigster: Das meiste, was Mitte ausmacht, kostet keinen Eintritt. Reichstagskuppel (mit Anmeldung), Brandenburger Tor, die Kolonnaden der Museumsinsel, das Holocaust-Mahnmal, die Hackeschen Höfe, die Spreepromenade – ein kompletter Tag Weltniveau für null Euro. Dazu kommen die offenen Kirchen mit ihren Türmen, die Staatsbibliothek als schönster Lesesaal der Stadt und die Tradition der Museums-Abende mit freiem Eintritt, die sich regelmäßig lohnt zu prüfen. Wer das Budget lieber ins Essen steckt, folgt der Faustregel aus den häufigen Fragen: zwei Straßen von jeder Sehenswürdigkeit entfernt wird es bezahlbar. Ein Tipp für Sparsame mit Ausdauer: die Mittagskarten der Lokale rund um die Universitäten – dort isst man werktags für die Hälfte, zwischen Studierenden statt Reisegruppen, fünf Minuten von Unter den Linden entfernt.
Mitte nach Feierabend
Der unterschätzte Moment des Bezirks ist der frühe Abend: Gegen 18 Uhr leeren sich die Museen und Achsen, das Licht wird flach, und plötzlich hat man die Kolonnaden der Museumsinsel, den Bebelplatz und die Spreepromenade fast für sich. Wer dann noch Kraft hat, läuft vom Dom über die Rathausbrücke ins Nikolaiviertel und weiter zum Alexanderplatz – eine halbe Stunde, in der sich achthundert Jahre Stadtgeschichte aneinanderreihen wie Schaufenster. Für den Abschluss lohnt der Blick nach oben: Der Fernsehturm wechselt mit der Dämmerung die Rolle, vom Orientierungspunkt zur Lichtskulptur.
Mitte praktisch
Anreise erübrigt sich fast – alles hält hier. Für den Besuch gilt die Grundregel des Bezirks: große Achsen morgens oder abends, Kieze mittags. Ein guter Tag: früh Museumsinsel, mittags Scheunenviertel mit Pause in einem der Höfe, nachmittags Nikolaiviertel und Spreeufer, abends Potsdamer Platz fürs Kino – oder gleich weiter nach Prenzlauer Berg, der an der Bernauer Straße samt Mauergedenkstätte beginnt. Wer Hunger mitbringt: Die Markthallen-Klassiker stehen im Guide zu den Märkten in Berlin.