Prenzlauer Berg ist das Vorher-Nachher-Bild der Berliner Geschichte: dichteste Gründerzeitbebauung, im Krieg vergleichsweise wenig zerstört, zu DDR-Zeiten verfallen und von Künstlern und Kirchenopposition bewohnt, nach der Wende saniert, begehrt und weltberühmt. Wer heute durchläuft, sieht die schönsten Fassaden der Stadt – und muss die Geschichten dahinter kennen, damit der Kiez mehr wird als Kulisse.
Die Orte: Mauerpark, Wasserturm, Kulturbrauerei
Der Mauerpark ist sonntags ein eigenes Land: Flohmarkt, Grills, Musiker an jeder Ecke und das berühmte Bearpit-Karaoke im Amphitheater. Dass hier der Todesstreifen verlief, erzählt heute nur noch der Name – und ein Rest Hinterlandmauer voller Graffiti. Ein paar Minuten südöstlich steht der Wasserturm am Kollwitzplatz, das Wahrzeichen des Ortsteils, umgeben vom wohl meistfotografierten Spielplatz Berlins. Die Kulturbrauerei wiederum zeigt, wie man Industriedenkmäler weiterleben lässt: Kino, Konzerte, Museum und im Advent der skandinavische Lucia-Weihnachtsmarkt.
Stiller, aber eindrücklicher: der Jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee mit seinen efeuüberwachsenen Grabfeldern und die Gethsemanekirche am Stargarder Straße-Kiez, 1989 eines der Zentren der friedlichen Revolution. Wie diese Epochen zusammenhängen, sortiert der Überblick zur Geschichte von Berlin.
Die Kieze: Kollwitz, Helmholtz, Bötzow
Der Kollwitzkiez ist das Prenzlauer Berg der Postkarten: Samstagsmarkt, Feinkost, Altbau in Bestlage. Der Helmholtzkiez zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee ist eine Spur rauer geblieben – mehr Kneipe, mehr Alltag, die Kastanienallee als Laufsteg dazwischen. Und das Bötzowviertel am Volkspark Friedrichshain bleibt der ruhige Geheimfavorit mit kurzen Wegen ins Grüne. Die Grenze nach Pankow verläuft im Norden fließend – verwaltungstechnisch gehört der ganze Ortsteil ohnehin seit 2001 zum Großbezirk Pankow.
Zwei Häuser erzählen den Kiez jenseits der Cafészene. Die Synagoge in der Rykestraße, 1904 in einem Hinterhof geweiht und heute die größte Synagoge Deutschlands, blieb 1938 vor der Brandstiftung verschont – die übliche Erklärung dafür ist ihre Lage zwischen dicht stehenden Wohnhäusern. Und am Ernst-Thälmann-Park steht das Zeiss-Großplanetarium von 1987, nach der Sanierung eines der modernsten Europas: Sternenhimmel, Konzerte und Vorträge unter derselben Kuppel.
Der Wandel: vom Hausbesetzerkiez zum Familienviertel
Kaum ein Stadtviertel Europas hat sich nach 1990 so schnell gewandelt: Über neunzig Prozent der Altbauten wurden saniert, die Bevölkerung tauschte sich weitgehend aus, aus besetzten Häusern wurden Eigentumswohnungen. Das Klischee vom Latte-Macchiato-Kiez ist billig zu haben – interessanter ist, was geblieben ist: eine ungewöhnliche Dichte an Buchläden, Programmkinos und Eigeninitiativen, vom Hofflohmarkt bis zur Nachbarschaftswerkstatt. Prenzlauer Berg ist heute weniger Bohème als Biografie: Man liest an seinen Fassaden ab, was aus Berlin seit 1989 geworden ist.
Der beste Wochentag für den Kiez
Wer wählen kann, kommt donnerstags oder samstags. Donnerstag ist der ehrlichste Tag: Märkte ohne Wochenendgedränge, Cafés mit Stammpublikum, abends Programm in der Kulturbrauerei. Der Samstag gehört dem Ritual – Markt am Kollwitzplatz, Kastanienallee rauf und runter, gegen Abend Mauerpark. Sonntage sind schön, aber voll; Montage dagegen überraschend still, weil viele Läden und Galerien ruhen. Und im Advent ändert sich die Rechnung ohnehin: Dann führt jeder Weg früher oder später zum Lucia-Markt in der Kulturbrauerei.
Mit Kindern im Kiez
Kaum ein Stadtteil Europas hat mehr kleine Kinder pro Straßenzug, und man merkt es an der Infrastruktur: Spielplätze in fast jedem Häuserblock, der Kollwitzplatz als inoffizielles Kinderwohnzimmer, das Machmit-Museum in einer alten Kirche und im Sommer die Wasserspiele im Mauerpark. Cafés sind auf Kinderwagen eingestellt, die Kulturbrauerei zeigt sonntags Kinderkino, und der Kiez lässt sich komplett zu Fuß bewältigen – kein Bezirk ist für einen Familientag praktischer geschnitten. Wer ohne Kinder reist, weiß damit auch, welche Tageszeiten man meidet: Werktags zwischen 15 und 17 Uhr gehören die Gehwege den Laufrädern. Dafür entschädigt der frühe Abend: Wenn die Spielplätze leeren, übernehmen die Weinläden und Kiezkneipen – derselbe Platz, zweite Schicht, und beide Besetzungen grüßen sich im Vorbeigehen.
Prenzlauer Berg praktisch
Anreise: U2 (Eberswalder Straße, Senefelderplatz), Ringbahn (Schönhauser Allee, Prenzlauer Allee) und Tram M1/M10. Ein guter Tag: vormittags Markt am Kollwitzplatz, mittags Kastanienallee hinunter, nachmittags Mauerpark, abends Kulturbrauerei oder eine der Kneipen im Helmholtzkiez. Einkaufen mit Anspruch: der Samstagsmarkt – einer der Klassiker unter den Märkten in Berlin.